Entwicklungszusammenarbeit – Wie im Westen so auf Erden?

The peoples of the earth face the future with great uncertainty, composed almost equally of great hopes and great fears. In this time of doubt, they look to the United States as never before for good will, strength and wise leadership […]


Man könnte sagen, dass mit diesem Zitat aus Harry Trumans Inaugurationsrede die Entwicklungshilfe, heute Entwicklungszusammenarbeit (EZA) genannt, geboren wurde. Mit diesem Zitat wurde auch der Begriff „Unterentwicklung“ in die Welt gebracht, der wie ein Stempel jenen Staaten aufgerückt wurde, die den westlichen Lebensstil nicht aufwiesen. Seitdem wurden Milliarden Dollar in „unterentwickelte“ Länder gepumpt, um diese auf den Stand der westlichen Welt zu bringen. Doch auch nach 70 Jahren Entwicklungszusammenarbeit haben die „unterentwickelten“ Länder westliche Lebensstandards noch immer nicht erreicht. Es stellt sich einerseits die Frage, ob die heutige Entwicklungszusammenarbeit ihre Ziele überhaupt erreichen kann und andererseits, ob „unterentwickelte“ Länder überhaupt westlichen Idealbildern folgen sollten.

Probleme der Entwicklungszusammenarbeit

Im Allgemeinen bedeutet Entwicklungszusammenarbeit einen Transfer von finanziellen Mitteln oder Know-How vom globalen Norden in den globalen Süden. Die sogenannten Geber bestehen aus einzelnen Ländern, finanziellen Institutionen (WB, IMF), internationalen Institutionen (WHO, UN, OECD), kirchlichen Organisationen und privaten Initiativen. Diese Geber transferieren monetäre Hilfe in Empfängerländer und finanzieren so Infrastrukturprojekte, Schulen oder unterstützen das Gesundheitssystem (Ottacher and Vogel, 2016, p. 47ff). Das Development Assistance Committee (DAC) der OECD, das die Kooperation zwischen Ländern in Sachen Entwicklungszusammenarbeit sicherstellt, besteht aus 29 Geberländern, die im Jahr 2014 137.222 Millionen US Dollar für Entwicklungszusammenarbeit ausgegeben haben. Als Empfänger zählen über 150 Länder und Regionen. Im Jahre 2014 ist der größte Teil der Gelder an Subsahara Afrika gegangen.
Die UN als wichtiger Akteur setzt Agenden für die Entwicklungszusammenarbeit und gibt so den Ton an. So gab es seit den 50ern vier große Entwicklungsdekaden mit vorgegebenen Zielen [1], die Millenium Development Goals (MDGs) und die derzeit laufenden Sustainable Development Goals (SDGs).

An den MDGs, die bis 2015 gelaufen sind, kann man versuchen abzulesen, ob EZA ihre Aufgaben erfüllt. Das Hauptziel der MDGs wurde erreicht: weltweite Armut wurde um die Hälfte reduziert. Es ist jedoch nicht klar, wie viel dieses Erfolges der EZA zuzurechnen ist. Ein großer Teil kann wohl auch dadurch erklärt werden, dass Länder wie China einen großen wirtschaftlichen Aufschwung zu verzeichnen hatten. Denn wenn man Subsahara Afrika betrachtet, wo wie zuvor beschrieben am meisten EZA Gelder hingeflossen sind, dann sieht man, dass dort die MDGs nicht erreicht wurden (Ottacher and Vogel, 2016, p. 122). Das Hauptziel der Armutsreduktion wurde dort mit Ausnahme von Mauritius, Botswana und Ruanda, nicht erreicht (Seitz, 2018). Es stellt sich also die Frage, wie effektiv Entwicklungshilfe tatsächlich ist.

Auch die UN mit ihren vielen Suborganisationen wird in dem Zusammenhang kritisiert. Ein großer Teil ihrer Spenden wird für administrative Zwecke verwendet (Öhlschläger, 2012, p. 163). Das UN System besteht aus 36 unterschiedlichen Organisationen. In manchen Entwicklungsländern sind mehr als zehn davon unkoordiniert nebeneinander tätig. Das führt zu Wettbewerb zwischen den einzelnen Organisationen und Mehrfacherledigung von Arbeit (Öhlschläger, 2012, p. 161f). Die Ressourcen könnten für bessere Zwecke verwendet werden.

Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass die EZA eine Industrie ist, die für sich selbst arbeitet und ihren eigenen Interessen folgt (Seitz, 2018, p. 190). Eine Organisation, die das Ziel hat, Armut zu beseitigen würde sich mit Erreichung dieses Ziels selbst überflüssig machen, weshalb diese Organisationen keinen Anreiz haben, dieses Ziel tatsächlich zu erreichen. Es werden also Abhängigkeiten geschaffen, indem zum Beispiel Straßen gebaut werden, die von den Empfängerländern nicht selbst aufrechterhalten werden können, um sicherzustellen, dass EZA weiterhin gebraucht wird. In Äthiopien beispielsweise machten im Jahr 2004 die Maßnahmen der EZA gegen Hunger den zweitgrößten wirtschaftlichen Sektor aus. Dieser wuchs sogar schneller, als der landwirtschaftliche Sektor (Wiedemann, 2005). Laut Wiedemann war das der Grund, warum die Menschen in Äthiopien ärmer wurden.

Die Post-Development Debatte

Die Post-Development Theorie, die in den 80ern aufkam, kann auch als Kritik an der Entwicklungszusammenarbeit gesehen werden; als eine sehr radikale Kritik, die EZA abschaffen möchte.
Die TheoretikerInnen des Post Development meinen, dass der Begriff „Entwicklung“ durch die Einführung der Entwicklungshilfe mit einer linearen Bewegung von einer schlechteren zu einer besseren Position verbunden wurde (Esteva in: Sachs, 1993, p. 96ff). Die westlichen Staaten nahmen sich das Recht, sich in die Entwicklung der anderen Länder einzumischen und ihnen ein Ziel vorzugeben. Entwicklung kann als Mythos gesehen werden, der den Menschen alles nimmt, was ihnen Sinn gibt, indem Kulturen und Traditionen ausgelöscht werden (Rahnema and Bawtree, 1997, p. 381). Ashis Nandy spricht von einer Kolonialisierung des Verstandes: der Westen ist überall präsent; in Strukturen und in den Köpfen der Menschen. Durch diese Kolonialisierung werden Länder gezwungen, so zu sein, wie der Westen und müssen deshalb ihre traditionellen Werte aufgeben (Nandy in: Rahnema and Bawtree, 1997, p. 168ff).

Post-Development sucht nach einer Alternative zur Entwicklung (nicht nach einer alternativen Entwicklung). Der Begriff selbst soll abgeschafft werden, da er meist sehr negativ konnotiert ist. Stattdessen könnte man von globaler, sozialer und ökonomischer Veränderung sprechen (Ziai 2014, 112). Post-Development TheoretikerInnen meinen, dass Veränderung nicht als ein technokratischer top-down Prozess gesehen werden dürfe, wie es in der EZA der Fall ist, sondern, dass Veränderung bottom-up durch Grassroot-Bewegungen passieren müsse (Escobar in: Rahnema and Bawtree, 1997, p. 85ff). Ein Beispiel dafür wäre „buen vivir“, ein indigenes Konzept aus Bolivien und Ecuador, das sich um ein gutes Leben für alle dreht und deshalb die Idee von unersättlichem materiellem Fortschritt ablehnt (Acosta, 2017, p. 80f).

Entwicklungszusammenarbeit also abschaffen?

Die Konsequenz aus den Gedanken des Post Development wäre, alle Entwicklungshilfe sofort zu stoppen. Jedoch kann man meinen, dass der Westen eine gewisse Verantwortung den „unterentwickelten“ Ländern gegenüber hat und dieses Vorgehen deshalb nicht vertretbar wäre. Es gibt viele Projekte der Entwicklungszusammenarbeit, die Sinnvolles bewirken, während andere keine positiven, wenn nicht sogar negative, Auswirkungen haben. Wichtig ist es in jedem Fall, dominante Praktiken kritisch zu hinterfragen und offen für neue Ideen und Veränderungen zu sein. Außerdem muss klar sein, dass der westliche, nicht nachhaltige Lebensstil nicht als ultimatives Ziel der Entwicklung gesehen werden kann. Der Westen muss sich vielmehr selbst überlegen, welche Veränderungen er braucht, um ein gutes Leben für alle sicherstellen zu können.


[1] Mehr Informationen zu den vier Dekaden finden sich auf der offiziellen Website der UN unter dem Titel „A Prehistory of the Millennium Development Goals: Four Decades of Struggle for Development in the United Nations“. (https://unchronicle.un.org/article/prehistory-millennium-development-goals-four-decades-struggle-development-united-nations)

Quellenverzeichnis
  • Acosta, A., 2017. Buen vivir: vom Recht auf ein gutes Leben, 5. Auflage. ed. oekom verlag, München.
  • Burchardt, H.-J., Peters, S., Weinmann, N., Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart (Eds.), 2017. Entwicklungstheorie von heute – Entwicklungspolitik von morgen, 1. Auflage. ed. Nomos, Baden-Baden.
  • Easterly, W., 2006. Wir retten die Welt zu Tode: für ein professionelleres Management im Kampf gegen die Armut. Campus Verl, Frankfurt/Main.
  • Moyo, D., 2012. Dead aid: warum Entwicklungshilfe nicht funktioniert und was Afrika besser machen kann, Dt. Erstausg., 2. Aufl. ed. Haffmans & Tolkemitt, Berlin.
  • Öhlschläger, R., 2012. Neue Formen und Instrumente der Entwicklungszusammenarbeit, 1.Auflage. ed, Weltwirtschaft und internationale Zusammenarbeit. Nomos, Baden- Baden.
  • Ottacher, F., Vogel, T., 2016. Entwicklungszusammenarbeit im Umbruch: Bilanz – Kritik – Perspektiven ; eine Einführung, 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. ed. Brandes & Apsel, Frankfurt a.M.
  • Rahnema, M., Bawtree, V. (Eds.), 1997. The post-development reader. Zed Books ; University Press ; Fernwood Pub. ; David Philip, London ; Atlantic Highlands, N.J. : Dhaka : Halifax, N.S. : Cape Town.
  • Sachs, W. (Ed.), 1993. Wie im Westen so auf Erden: ein polemisches Handbuch zur Entwicklungspolitik, Dt. Erstausg. ed, Rororo Rororo-Handbuch. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg.
  • Sagmeister, H., 2019. Die Entwicklungszusammenarbeit der Zukunft. NOMOS VERLAGSGESELLSCHAFT, S.l.
  • Seitz, V., 2018. Afrika wird armregiert oder Wie man Afrika wirklich helfen kann, Aktualisierte und erweiterte Neuausgabe. ed. dtv, München.
  • Wiedemann, E., 2005. Wie die Hungerhilfe ein Land in der Armut hält.
  • Ziai, A. (Ed.), 2014. Im Westen nichts Neues? Stand und Perspektiven der Entwicklungstheorie ; [… Tagung der DVPW-Sektion Entwicklungstheorie und Entwicklungspolitik mit dem Titel “Entwicklungstheorien reloaded: Stand und Perspektiven der entwicklungstheorethischen Diskussion” vom 15. – 17. Juli 2010 in Hamburg …], 1. Aufl. ed, Entwicklungstheorie und Entwicklungspolitik. Nomos, Baden-Baden.

Luise Stoisser ist Teilnehmerin des 12. Jahrgangs der Wirtschaftspolitischen Akademie.

Die Wirtschaftspolitische Akademie organisiert den Gedankenaustausch kritischer, wirtschaftspolitisch interessierter Studierender rund um die soziale Verantwortung wirtschaftlichen Handelns.